Nachdenken und daraus Konsequenzen für das eigene Handeln ziehen: Das gehört zum Erbe der Reformation. Aus reformatorischer Sicht betrachtet, "entspringt die Motivation zum eigenen Handeln nicht der Pflicht, sondern der Verantwortung", formuliert es der Umweltbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Klaus-Peter Koch. Als Beitrag zum Reformations-Jubiläumsjahr 2017 hat er "9,5 Thesen für schöpfungsgerechtes Handeln" veröffentlicht, in Anlehnung an Martin Luthers "95 Thesen", mit denen dieser vor knapp 500 Jahren den Anstoß zur Reformation gab.
Institutionalisierte Umwelt- und Nachhaltigkeitsarbeit in der Landeskirche ist dagegen 35 Jahre jung. Bewegt hat auch sie schon einiges. Weit über 700 Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen in Deutschland arbeiten beispielsweise mit dem in Württemberg "erfundenen" Umweltmanagementsystem "Der Grüne Gockel/Der Grüne Hahn".
Die jetzt gestartete Thesen-Initiative geht jedoch weit über Umweltschonen und Energiesparen hinaus. Titel wie "Diakonie an der ganzen Schöpfung leben" (These 3), "Gerechtigkeit leben" (These 4) oder "Konfessionsübergreifend und interreligiös handeln" (These 5) weisen darauf hin.
Umgesetzt wird schon an diesem Freitag (2. September) die These 6, "Vielfalt der Schöpfung feiern!", auf der Landesgartenschau in Öhringen (Hohenlohekreis). Dort veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg ihren Tag der Schöpfung unter dem Motto "Die ganze Schöpfung - Lobpreis Gottes".
Koch weist auch darauf hin, dass Kirchengemeinden konkrete "Orte der Schöpfungsvielfalt" (These 7) sein können. Das reiche "von der Blumenwiese am Gemeindehaus über das Insektenhotel im Pfarrgarten und den Nistplatz für Dohle, Mauersegler und Fledermaus im Kirchturm bis zum spielerischen Naturerlebnis im Kindergarten". "Die Vielfalt der Schöpfung ist ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes", wechselt Koch in die Theologensprache.
Zur Nachhaltigkeit gehöre auch der Blick in die Welt. These 8 widmet Koch daher der globalen Partnerschaft: "Am Beispiel der Klimaveränderungen wird deutlich, dass Umweltauswirkungen nicht an Gemeinde- oder Ländergrenzen Halt machen". Er rät dazu, Kontakte zu Übersee-Partnergemeinden zu pflegen. Das fördere den Erfahrungsaustausch über Lebens- und Arbeitsbedingungen, schärfe den Blick auf Handlungsmöglichkeiten "und verlangt Engagement hier bei uns". Engagierte Gemeinden können sich als "Faire Gemeinde" oder mit dem "Grünen Gockel" auszeichnen lassen.
Die 9. These heißt "Schöpfungsbewahrung ist Gemeindeaufbau", denn "jede und jeder ist eingeladen, sich mit seinen Talenten, seinem Wissen und seinem Können einzubringen", betont der Experte. Und zum Abschluss gebe es bewusst eine "halbe" These.
Die fordere nämlich zum Vervollständigen heraus. "Man will ja schließlich keine halben Sachen", schmunzelt Diakonin Helga Baur von der Geschäftsstelle "Grüner Gockel - Umweltmanagement in Kirchengemeinden". Wer die neun Thesen gelesen hat, wird aufgefordert, sein persönliches Nachhaltigkeits-Vorhaben aufzuschreiben und an das Umweltbüro einzusenden. Bis Anfang 2017 sollen Postkarten und E-Mails gesammelt werden. "Im Lauf des Reformations-Jubiläumsjahrs 2017 wollen wir dann die Ergebnisse veröffentlichen", sagt Baur.
Die württembergische "9,5 Thesen"-Aktion für Nachhaltigkeit wurde unabhängig gestartet von weiteren Initiativen mit ähnlichem Titel, die teils jedoch durchaus inhaltliche Parallelen aufweisen. Dies sind etwa die "9,5 Thesen", die Jugenddelegierte der Evangelisch-methodistischen Kirche in diesem Sommer ihrer Süddeutschen Jährlichen Konferenz zum Thema Gemeindeaufbau vorgelegt haben. Oder der 2009 in Frankfurt am Main gestartete Aufruf "9komma5thesen", der sich mit einer gerechten Gesellschaftsordnung beschäftigt.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)