Lastwagenfahrer sind wochenlang einsam unterwegs. Die Trucker-Church will ihnen Gottes Liebe nahe bringen auf Rastplätzen, an denen sie oft zwangsweise ihre Wochenenden verbringen.
Sonntags herrscht Fahrverbot für die meisten Lastwagen. Auf dem Autohof an der A8 nach Kirchheim unter Teck steht Ekkehart Fischer auf einem Lastwagenanhänger und predigt. Der 70-jährige Gründer der „Trucker-Church“, der „Kirche für Lastwagenfahrer“, kommt ein Mal im Jahr auf diesen Autohof. Dann tut er, was er am liebsten tut: von Gottes Liebe erzählen. An jedem letzten Sonntag im Monat - das nächste Mal am 26. Juni - sind ansonsten andere ehrenamtliche Mitarbeiter bei Trucker-Andachten im Einsatz.
Fischer, der stämmige Mann mit dem Cowboyhut und dem leuchtend gelben Hemd, kennt das Truckerleben. Er war bis zu seiner Pensionierung als Unternehmensberater für Fuhrunternehmen tätig. Er erlebte die finanzielle Not, den enormen psychischen Leistungsdruck für die Fahrer, und deren Einsamkeit. Sie kommen aus vielen verschiedenen Nationen haben aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen „nie die Chance, die Botschaft von Gottes Liebe in der Kirche zu hören“, sagt Fischer. Er will das ändern und geht deshalb zu ihnen auf die Rastplätze und Autohöfe.
Seine Teams helfen im Notfall auch ganz konkret mit dem Geldbetrag für den Besuch der Toilette oder einen Kaffee. Oder die Ehrenamtlichen beten für einen von Kreuzschmerzen geplanten Fahrer aus Litauen und erleben staunend, wie der nach Jahren erstmals schmerzfrei und fröhlich aus dem Fahrerhaus steigt. „Solche Erlebnisse machen auch uns Mut“, sagt Fischer.
Predigt wird übersetzt
Sein Kirchen-Truck hat eine Plane, auf der zu lesen ist „Jesus hat jede Menge Anhänger“. Davor sitzen rund 60 Fahrer aus allen Herren Ländern und lauschen der Geschichte vom Vater und seinen Söhnen aus dem Lukasevangelium. Helfer übersetzen die Predigt in die jeweiligen Heimatsprachen der in Gruppen an Biertischen sitzenden Gäste. Darunter sind Deutsche, Polen, Letten, Russen und Albaner.
Fischer ist dankbar für die Chance, an dieser Stelle einen Gottesdienst feiern zu können und seinen seelsorgerlichen Dienst zu tun. Er beruft sich auf das „allgemeine Priestertum“ und hat auch schon mal ein Paar getraut. Aber außerhalb der verfassten Kirche stehen oder eigene Ortsgemeinden gründen will er dennoch nicht. „Wenn einer sein Leben Gott anvertraut, braucht er die Gemeinschaft von Christen“, betont Fischer.
Die Mitarbeiter der Trucker-Church sind Katholiken oder Charismatiker, protestantische Landeskirchler oder Baptisten. Was sie eint? „Die Liebe zu Jesus Christus“, sagt Fischer und lacht. Für ihn ist die Kirchen und Frömmigkeitsrichtungen übergreifende Zusammenarbeit selbstverständlich.
Er spricht an diesem Nachmittag klar und deutlich von der Liebe Gottes zu allen Menschen. Er lädt die Zuhörer dazu ein, ihr Leben diesem lebendigen Gott anzuvertrauen. Anschließend werden die Trucker-Bibeln in der jeweiligen Landessprache verteilt. Die Menschen sitzen oder stehen zusammen und kommen miteinander ins Gespräch, über Sorgen und Nöte, die Familie und den Sinn des Lebens.
„Trucker tun einen wertvollen Dienst“
Warum setzen die Männer und Frauen der Trucker-Church ihre Freizeit, Geld und Kraft dafür ein, um Männern von Gott zu erzählen, die sie in ihrem Leben vielleicht nur einmal sehen? „Zunächst wollen wir diesen Menschen danken. Ohne sie hätten wir viele Waren nicht, die wir täglich brauchen. Sie tun einen wertvollen Dienst“, sagt der 59-jährige Baptist Horst Huber-Deufel aus Neidlingen und Ortsverantwortlicher in Kirchheim
Der Mittfünfziger Michael Schweikle ist Fuhrunternehmer aus Unterensingen und aus voller Überzeugung dabei. Als Chef von 20 Mitarbeitenden ist er Dienstleister unter anderem für die Deutsche Post. Im Alltag sieht er die Prüfsteine für den Glauben, gerade wenn es um gerechte Löhne, den ehrlichen Umgang und die Weisheit für strategische Entscheidungen geht. „Ich rechne mit Gottes Führung in meinem Leben“, sagt Schweikle. In seinem Unternehmen wird im kommenden Jahr, am 18. Februar, auch der zweite Trucker-Church-Unternehmertag stattfinden.
Nachdem alles aufgeräumt ist und alle Ehrenamtlichen auf dem Heimweg sind, lehnt Robert aus Russland noch allein am Kühlergrill seines Actros. In der Hand das ihm so fremde Buch mit den bunten Bildern und Geschichten. „Interessant“, murmelt er.
Holger Seitz (epd)
Die Trucker-Church hat ihren Deutschlandsitz in Erkrath bei Düsseldorf. Dort lebt auch ihr Gründer Ekkehart Fischer mit seiner Frau Renate. Der 70-jährige "Trucker-Pastor", wie er sich selbst nennt, war bis zu seiner Pensionierung als Unternehmensberater für Fuhrunternehmen tätig. Fischer ist zusammen mit seiner Frau bundesweit ehrenamtlich unterwegs, um den Lkw-Fahrern die "Frohe Botschaft von der Liebe Gottes" zu vermitteln.
Fischer gründete im Jahr 2000 einen gemeinnützigen Verein, entwickelte eine "Truckerbibel" mit Lebensgeschichten von Menschen und dem Text in einer leicht lesbaren Übersetzung in Deutsch und sieben weiteren Sprachen. Diese Bibeln werden zumeist an Rasthöfen in Deutschland, unter anderen in Sinsheim und Kirchheim unter Teck, in Österreich, der Schweiz, Italien und Skandinavien verteilt. Ziel ist es, mit den Empfängern ins Gespräch zu kommen. Regionale Ansprechpartner organisieren diese Aktionen.
Fischer hat inzwischen 350 Mitarbeiter in seinem gemeinnützigen Verein versammelt. An 25 Orten treffen sie sich, auch in der Kapelle des Autohofs Kirchheim unter Teck, wo zehn Mitarbeiter drei Mal in der Woche nach einem gemeinsamen Gebet mit ihrem Rollwagen voller Bibeln losziehen, um mit den Fahrern ins Gespräch zu kommen. Ein Mal im Monat gibt es sonntags eine Andacht. Finanziert wird das Werk aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen.
In Kirchheim wurde die Arbeit ursprünglich von Aidlinger Schwestern begonnen mit unregelmäßigen Gottesdiensten. Lange Jahre war auch die evangelische Landessynodale Lore Gerber (Kirchheim unter Teck) Aktive in der Trucker-Church. Die Leitung dort haben derzeit Ruth Reiter und Horst Huber-Deufel.