Frauenfrühstück, Mutter-Kind-Gruppe, Weltgebetstag: Die Frauenarbeit in der Landeskirche ist bunt. Dennoch wird es schwieriger, die Zielgruppe zu erreichen. Das zeigt auch die Absage des Frauensonntags, der am kommenden Wochenende hätte stattfinden sollen. Ein Interview mit Dina Maria Dierssen, Geschäftsführerin der Evangelischen Frauen in Württemberg.
„Evangelische Frauen in Württemberg“ hört sich für Außenstehende eher betulich und „altbacken“ an. Was verbirgt sich eigentlich dahinter?´
Wir sind ein Netzwerk von Gemeindegruppen und Organisationen innerhalb der Kirche, die mit Frauen arbeiten. Es gibt die klassische gemeindebezogene Arbeit mit Angeboten vor Ort. Dazu kommt die verbandliche Arbeit auf Landesebene. Wir behandeln Glaubensfragen und theologische Ansätze aus einem frauenspezifischen Blickwinkel. Dazu gehört zum Beispiel die Weltgebetstagsarbeit oder Auszeitangebote für Frauen, aber auch religiöse Sozialisation im Rahmen der Mutter-Kind-Gruppen. Dazu kommen Angebote für Frauen in bestimmten Lebenssituationen wie Alleinerziehende, Schwangere oder Frauen, die in Trennung leben. Und ein weiterer Bereich ist die Auseinandersetzung mit politischen und sozialen Fragen. Da geht es um Rollenbilder, um das Thema Frauen und Armut usw.
Sie sind seit knapp zehn Monaten Geschäftsführerin der Evangelischen Frauen in Württemberg. Welchen Herausforderungen sehen Sie sich gegenüber?
Die Frauenarbeit befindet sich in einem radikalen Umbruch. Im Vergleich zu früher, sind heutzutage viel mehr Frauen berufstätig. Sie haben einfach keine Zeit mehr, sich ehrenamtlich in der Frauenarbeit zu engagieren. Unsere Struktur in den Gemeinden und sogar auf Kirchenbezirksebene ist aber genau auf dieses Vollzeitehrenamt ausgelegt. Der Mittwochnachmittag, der früher der klassischen Frauenarbeit gehörte, findet keinen Nachwuchs mehr. Das Durchschnittsalter der Gruppen wird dadurch höher. Und in den Mutter-Kind-Gruppen ist die Verweildauer um zwei Drittel gesunken, weil viele Frauen nach einem Jahr Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen. Außerdem wollen die Frauen nicht mehr so weit fahren müssen. Früher haben wir viele zentrale Veranstaltungen angeboten, die gut gelaufen sind. Mittlerweile ist das den Frauen zu viel. Das ist nachvollziehbar. Wer den ganzen Tag gearbeitet hat und sich danach noch um Haushalt und Familie kümmern muss, fährt abends eben nicht noch irgendwo hin. Wir müssen also viel mehr in die Fläche gehen, um unsere Zielgruppe zu erreichen. Allerdings betreffen diese gesellschaftlichen Veränderungen nicht nur uns, sondern auch andere kirchliche Angebote. Hier muss sich die gesamte Kirche bewegen, um gegenzusteuern.
Ist die Absage des Frauentages, der am kommenden Sonntag in Heilbronn hätte stattfinden sollen, auch ein Symptom einer strukturellen Krise der Frauenarbeit?
In Württemberg hat sich die Tradition eines festen Frauensonntags einfach noch nicht durchgesetzt. Bundesweit feiern viele Landeskirchen am 14. Sonntag nach Trinitatis, also Ende August. Da sind in Süddeutschland noch Sommerferien. Wir haben in den letzten fünf Jahren versucht, mit wechselnden Terminen das Format eines Frauensonntags bei uns zu etablieren, um an der gottesdienstlichen Gemeinschaft evangelischer Frauen in Deutschland teilzuhaben. Das hat in den vergangenen Jahren auch gut funktioniert. In diesem Jahr müssen wir schlicht zur Kenntnis nehmen, dass der Termin im April offensichtlich nicht zukunftsfähig ist.
Wie sehen Ihre Visionen für die Zukunft der Evangelischen Frauen in Württemberg aus?
Wir haben im Rahmen der Bildungsplandiskussion einen recht leidigen Diskurs zum Thema Gender und Geschlechtergerechtigkeit geführt. Ich hoffe sehr, dass wir das in der Kirche nun hinter uns haben und es hinbekommen, ein gleichberechtigtes Miteinander für Männer und Frauen zu schaffen. Aber es gibt trotz allem zielgruppenspezifische Fragestellungen, Dinge, die die Geschlechter unterschiedlich erleben. Und das muss sich ergänzen dürfen. Gemeinsam die Welt gestalten und gleichzeitig einen offenen Blick für die Unterschiedlichkeit bewahren, dazu wollen wir in der Kirche beitragen. Was die praktische Arbeit der Evangelischen Frauen angeht, so müssen wir an unserer Struktur arbeiten. Rein auf Ehrenamtliche zu setzen, ist auf Dauer nicht haltbar. Wir brauchen Leute in den Bezirken und Gemeinden, die ansprechbar sind, die man anrufen kann, die Dinge organisieren, Adressen pflegen, die Gremienarbeit machen usw. Das geht im Ehrenamt nicht mehr.
Vielen Dank für das Gespräch.