Trotz aller technischer Fortschritte: Der Mensch muss in der Digitalisierung die Kontrolle behalten - und darf sie nicht an künstliche Intelligenz abgeben. Das ist der Tenor des jüngsten Reutlinger Gesprächs „Wirtschaft - Kirche".
Es war ein deutliches „Ja" zur Digitalisierung, das beim 15. Reutlinger Gespräch „Wirtschaft - Kirche" zu hören war. Mindestens ebenso laut erklang jedoch das „Aber": Der frühere Berlin-Brandenburger Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Professor Dr. Wolfgang Huber warb in seinem Impulsreferat dafür, die Digitalisierung „als Gestaltungsaufgabe und nicht als Naturereignis" zu sehen, dem der Mensch ausgesetzt sei. Das Thema des Abends: ethische Fragen der Digitalisierung.
Nach Hubers Überzeugung gilt bei allem Fortschritt und Technikbegeisterung: „Technik und Wirtschaft sind für den Menschen da - und nicht umgekehrt“. Keinesfalls dürfe der Mensch seine Verantwortung für die technische Entwicklung abgeben, beispielsweise an Künstliche Intelligenz (KI), die sich selbst weiterentwickle. Er warnte vor einer „Euphorie, die so weit geht, dass sie den Menschen aus der Verantwortung nimmt“.
Grundsätzlich aber steht auch der Theologe und Ethiker Huber der Digitalisierung offen gegenüber. Huber sprach von einem „Epochen-Umbruch, der am ehesten zu vergleichen ist mit dem Umbruch, der mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg verbunden war“. Auch medizinisch biete die Digitalisierung die Chance auf einen „Quantensprung" - beispielsweise bei der Erkennung und Behandlung von Krebserkrankungen.
Nicht nur bei Medizin, Kommunikation oder Mobilität steht die neue Technik inzwischen an zentraler Stelle: Beim anschließenden, von Prälat Dr. Christian Rose und Ingrid Peters vom Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer moderierten Podiumsgespräch nannte Gerhard Braun, Geschäftsführer der Reutlinger Wirtschaftstreuhand GmbH, noch ein weiteres „Einsatzfeld“: Mit Hilfe der Digitalisierung könnten Unternehmen dem Fachkräftemangel besser begegnen; sie sei „integriert in den permanenten Innovationsprozess“, in dem sich die Unternehmen ohnehin befinden, betonte Braun.
Die zwei Seiten der Digitalisierung strich auch die Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskamer Reutlingen, Dr. Daniela Eberspächer-Roth, in ihrem Statement heraus. Einerseits helfe die moderne Technik den Menschen, “den eigenen Wert und die eigene Originalität in den Blick zu bekomen“.
Andererseits habe sie aus Sorge um ihre persönlichen Daten „großen Respekt vor der digitalen Technik", räumte Eberspächer-Roth ein. Für sie ist klar: „Ich würde mir nie Alexa in die Wohnung stellen“, die Amazon-Sprachassistentin muss bei der geschäftsführenden Gesellschafterin der Profilmetall-Gruppe draußen bleiben.
Der Direktor im Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stefan Werner, warb unterdessen für Offenheit der Kirche gegenüber digitalen Medien - jenen „Kommunikationsmitteln, die die Menschen nutzen“ und durch die sie auch für die Kirche erreichbar seien. Er selbst, verriet Werner, nutze den Messenger-Dienst Whatsapp privat in der Familie oder im Posaunenchor.
Geladen zum Reutlinger Gespräch „Wirtschaft - Kirche“ waren rund 100 Gäste aus Wirtschaft und Gesellschaft, Gastgeber waren Prälat Rose und die Reutlinger Wirtschaftstreuhand GmbH.