„Ursprünglich, einzigartig und ohne Filter.“ So beschreibt Jolanta Gatzanis die Werke der Künstlerinnen und Künstler aus der Kreativen Werkstatt der Diakonie Stetten. „Wenn Menschen mit geistiger Behinderung zu Werke gehen, entstehen Arbeiten, die niemanden unberührt lassen“, sagt die Stuttgarter Verlegerin. Sie hat den Stettenern den fünften Band ihrer Kunstbuchreihe „G:sichtet“ gewidmet. „Lebensfreude in Form und Farbe“ heißt er und beinhaltet einfühlsame Künstlerporträts, Fotos ihrer Werke, Interviews und einführende Texte. Die im Band gezeigten Werke waren vor kurzem auch in der Stuttgarter Galerie von Braunbehrens zu sehen.
Die Stettener haben einen Namen in der Kunstszene, die Diakonie hat dort Pionierarbeit geleistet mit der Einrichtung ihrer Werkstatt, in der Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen sich unter Begleitung bildnerisch und skulptural entfalten können. Die Künstlerinnen und Künstler haben in ihrer mehr als 50-jährigen Geschichte zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten und waren auf der halben Welt zu sehen: in St. Petersburg und Leningrad, Thessaloniki und Athen, in Wien, Prag und Budapest, Warschau und Lodz, Kopenhagen und Helsinki, London und Cambridge, in Brüssel und auf einer Wanderausstellung in Brasilien in den Orten Curitiba, Porto Alegre, Sao Paulo, Brasilia, Belo Horizonte und Rio den Janeiro – um einige Beispiele zu nennen.
Das gilt auch für einen Teil der im Band „G:sichtet“ vertretenen Künstlerinnen und Künstler. So wurden Objekte Martin Udo Kochs im MADmusée im belgischen Lüttich gezeigt und Harald Schulths Werke mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Jürgen Seuffert belegte den zweiten Platz beim landesweiten Kunstpreis für Menschen mit Behinderungen. „Kunst als Brücke“ lautete das Thema.
Anfang 2014 konzipierte Jolanta Gatzanis die Buchreihe G:sichtet. Das ist eine Kunstbuchreihe, die sich der Kunst, den Künstlern und Kunstschaffenden aus Stuttgart und der Region widmet. „Lebensfreude in Form und Farbe“ heißt der 5. Band der Kunstreihe „G:sichtet“ im Stuttgarter Gatzanis Verlag. Die Fotos stammen von Frank Paul Kistner, der schon Joachim Gauck, Gesine Schwan, Udo Lindenberg, Patricia Kaas, Armin Müller-Stahl und Joachim Löw porträtiert hat. Einfühlsame Porträts von Nicole Carina Fritz stellen zehn Persönlichkeiten vor, die von Künstlern ohne Handicap oft wegen ihrer „unverfälschten Kreativität“ beneidet werden.
Während Koch fast ausschließlich skulptural arbeitet, Zeitgenössisches mit Tradition verbindet und mit seinen Denkmälern dem Betrachter einen ganzen Mikrokosmos eröffnet, gilt Schulth als „Meister der Reduktion“. Seine Werke seien geprägt durch satte Farbflächen und minimalistische, teils schon abstrakte Motive, schreibt Nicole Carina Fritz in dem Band. Seuffert dagegen bringt gerne Bewegung auf das Papier. Er zeichnet am liebsten Züge, zum Teil mit nostalgischen Wagen, Autos, Pferde und Reiter. Einige seiner Arbeiten erinnern an klassische Vorbilder. „So könnten einige Motive – als Relief umgesetzt – glatt einem antiken Fries entstammen, andere würden sich prima als Teil eines gotischen Kirchenfensters oder als mittelalterliche Kabinettscheibe machen“, betont Fritz.
„Lange als nicht existent oder bestenfalls naiv bezeichnet, eroberten sich Kunstwerke behinderter Künstler im Lauf der Jahre eine Nische auf dem etablierten Kunstmarkt. Die Begriffe ‚Outsider Art‘ oder ‚Art brut‘ kennzeichnen heute Werke von meist autodidaktischen Künstlern, die jenseits klassischer Kunsttraditionen arbeiten“, schreibt Nicole Carina Fritz in „G:sichtet“. Sie verweist auf einen „hohen Grad an Improvisation und vielfältigste künstlerische Ausdruckmöglichkeiten“ dieser Kunst.
Pfarrer Rainer Hinzen, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten, wundert dies nicht. Er betont: „Ob ein Künstler Mann oder Frau ist, jünger oder älter, sportlich oder musikalisch, ob er oder sie körperliche, geistige oder seelische Beeinträchtigungen hat, rechtfertigt keine ,Sonder-Betrachtung‘, sondern schafft Gemeinsamkeit mit allen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die jeweils auch eine ganz besondere individuelle Persönlichkeitsausprägung besitzen, die in ihrer Kunst zum Ausdruck kommt.“
„Wir waren so sehr überrascht und begeistert von der Vielfalt und der Kreativität der Künstlerinnen und Künstler“, schreibt die Sammlerin Carmen Würth, Ehefrau des Unternehmers und Kunstmäzens Reinhold Würth, in dem Kunstband. Ihre Sammlung zählt zu den bedeutendsten europäischen Privatsammlungen. „Mit Sorgfalt und Freude suchten wir Kunst aus für unsere Sammlung, die wir so gerne immer mal wieder ausstellen, auch im Ausland.“ Das Museum Würth in Künzelsau hat vor einiger Zeit eine komplette Ausstellung der Stettener aufgekauft und im vergangenen Jahr noch einmal mehrere Werke erworben.
Selbstverständlich sind die Erfolge nicht. Die kreative Werkstatt der Diakonie Stetten war die erste ihrer Art in Europa und Vorbild für viele solcher Werkstätten im In- und Ausland. Anne Dore Spellenberg leistete Pionierarbeit als sie 1966 in Stetten ihre so genannte Maltherapie ins Leben rief, aus der sich die Kreative Werkstätte entwickelte. Eine öffentliche Diskussion über Künstler mit Handicap hat es damals nicht gegeben. Das Verständnis von Kreativität sei zu stark an einen „normalisierten“ Intelligenzgrad gekoppelt und an sprachlich-intellektuelle Prozesse ausgerichtet gewesen, so Fritz. Zahlreiche Forscher hätten Menschen mit geistiger Behinderung ein „vollwertiges Kunstwollen“ rundweg abgesprochen. Noch in den 1980er Jahren als Berichterstattung schon wohlwollender klang, hätten die therapeutischen Leistungen der Werkstatt-Mitarbeiter im Vordergrund gestanden und die Künstler selbst kaum Beachtung gefunden. Heute dagegen streiten Fachkreise darüber, wie weit es sinnvoll sei, für Künstler mit geistiger Behinderung eine eigene Kunstkategorie zu schaffen. Während die einen das für längst überfällig halten, wollen andere die Kunstschaffenden vor dem Druck des Kunstbetriebes schützen.
Stephan Braun
Rund 7.000 Kunden und deren Familien nutzen die vielfältigen Hilfen der Diakonie Stetten ¬- an 37 Städten und Gemeinden im Großraum Stuttgart. Sei es in inklusiven Schulen und Kindertagesstätten, der Behindertenhilfe, in der Beratung, Begleitung und Integration für Menschen mit psychischen Erkrankungen in die Arbeitswelt oder in Pflegeangeboten für Senioren. Zudem bildet die Akademie der Diakonie Stetten Menschen in sozialen Berufen aus.