Großgartach. Erstmals kommt eine „Orgel des Monats" aus Württemberg. Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gegründete Stiftung Orgelklang hat das Instrument in der Lorenzkirche von Leingarten-Großgartach (Landkreis Heilbronn) zur „Orgel des Monats Juli 2019" erklärt.
Das 1913 gebaute Instrument ist aus mehreren Gründen eine Besonderheit, wie die Stiftung Orgelklang betont: Da ist zum einen die äußerliche Gestaltung der in der Werkstatt von Eberhard Friedrich Walcker in Ludwigsburg entstandenen und von einem Großgartacher Fabrikanten finanzierten Orgel. Zum anderen: Der Architekt Martin Elsaesser entwarf das äußere Erscheinungsbild - den sogenannten Orgelprospekt - passend zu dem ebenfalls von ihm gestalteten Kirchen-Innenraum.
So sind die Orgelpfeifen mit abstrakten Mustern versehen, kleine Putten an den Seiten sorgen für optische Kontraste an dem unter Denkmalschutz stehenden Instrument. Was die Orgel nach Angaben der Stiftung Orgelklang aber zu einem „Kulturdenkmal von herausragendem Wert" macht, ist eine technische Besonderheit: Wenn überhaupt, dann gibt es Organolas allenfalls noch in Museen - außer in Großgartach. Dort ist eine Organola als frühe Form eines Musikautomaten hin und wieder noch zu hören.
Der kleine Anbau an der Orgel auf der Westempore der Kirche war einst dazu gedacht, auch ohne Organist während der Gottesdienste für Orgelklänge zu sorgen. Die Organola funktioniert wie eine Drehorgel: Auf eine drehbare Walze werden Noten-Lochstreifen gespannt, ein Balg bläst Luft durch die Löcher im Papier und betätigt damit kleine Filzstößel, die ihrerseits auf die Tasten drücken.
Zwölf solcher Lochstreifenrollen besitzt die Kirchengemeinde - darunter das „Hallelujah" aus Händels Oratorium „Messias" oder „Eine feste Burg ist unser Gott" von Martin Luther.
Dass die Organola trotz der Empfindlichkeit der betagten Rollen seit einiger Zeit wieder häufiger im Einsatz ist, hat einen einfachen Grund: „Wir wollen zeigen, was wir haben", sagt Brigitte Eckstein, die Vorsitzende des Kirchengemeinderates. Denn die Walcker-Orgel muss saniert werden - und Konzerte mit Organola-Einsatz sollen die Bereitschaft erhöhen, dafür zu spenden.
Gut 96.000 Euro wird die Sanierung von Orgel und Organola kosten; rund 40.000 Euro haben die Großgartacher schon zusammen. Nun kommen weitere 5.000 Euro hinzu: So viel stellt die Stiftung Orgelklang für die „Orgel des Monats Juli" zur Verfügung.
Der 1794 in Cannstatt geborene Eberhard Friedrich Walcker gilt als der führende deutsche Orgelbauer des 19. Jahrhunderts - eine Tradition, die sein Enkel Oskar Walcker Anfang des 20. Jahrhunderts weiterführte. Zahlreiche Walcker-Orgeln sind erhalten, neben Großgartach auch im Ulmer Münster, der Frankfurter Paulskirche, dem Dom zu Riga oder der Kathedrale von Zagreb. Die Walcker-Orgeln beispielsweise in der Stuttgarter Stiftskirche und der Heilbronner Kilianskirche wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 1950er Jahren durch Neubauten ersetzt. Zwei Nachfolge-Unternehmen mit Sitz im Saarland beziehungsweise Niederösterreich bauen noch heute Walcker-Orgeln.