350 Erzieherinnen und Auszubildende am 8. April im Hospitalhof beim Kongress „Fair von Anfang an!“ zusammengekommen. Die Teilnehmenden haben sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie bereits in Kindergärten mit der Sensibilisierung für eine faire und nachhaltige Welt begonnen werden kann. In Fachvorträgen und 13 verschiedenen Workshops konnte man sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und erprobte Beispiele kennenlernen.
Sind Kindergartenkinder mit dem Thema „nachhaltige Entwicklung“ überfordert? „Sie sind es keineswegs“, sagte Staatssekretär Volker Schebesta. „Wir wollen dazu beitragen, dass Kinder sich Dinge aneignen, die sie prägen. Sie brauchen Eltern und pädagogische Fachkräfte, die mit ihnen das Thema aufgreifen und Vorbildfunktion haben.“ Das Hauptreferat beim ausgebuchten Kongress unter dem Motto „Fair von Anfang an!“ hielt Susanne Schubert, Vorstand beim Bildungsberater Innowego in Bonn. „Die Kinder bringen die Themen in die Kita mit“, sagte sie. Wenn sie etwa vom Tsunami gehört hätten, dann „brauchen sie die pädagogische Fachkraft, damit sie damit nicht alleine sind“. Basis für das Lernen sei das kindliche Spiel, entscheidend das Anknüpfen an den kindlichen Interessen. „Für Kinder ist es wichtig, dass sie Beteiligungsprozesse erleben. Wir müssen aushalten, dass Kinder etwas anderes tun, als was wir Erwachsenen vorgedacht haben.“ Als ein Kindergarten von Plastikflaschen auf Leitungswasser umstellte, waren die Kinder beim Gespräch mit dem Kindergartenträger dabei, haben den ganzen Prozess der Umstellung miterlebt. In einer Kita der Arbeiterwohlfahrt (AWO) arbeiten die Kinder mit Hühnern und Bienen, haben ein Gewächshaus und backen Brot. In einem evangelischen Kindergarten in Dortmund bestellen die Kinder die Zutaten fürs Frühstücksbuffet innerhalb eines Rahmenvertrags selbst. Schubert mahnte die Erzieherinnen im Geist des Beutelsbacher Konsens: „Was kontrovers ist, muss kontrovers bleiben. Nehmen Sie die eigenen Überzeugungen zurück, machen Sie sich mit den Kindern auf den Weg.“ Sie bat auch, gegen Klischees zu arbeiten: „Afrika ist nicht nur ein einziges Land, und außer Hütten gibt es dort auch Großstädte!“
Als erster Kindergarten in Baden-Württemberg wurde der Kindergarten Bollingen in Dornstadt als „Faire KITA“ ausgezeichnet. „Es geht nie um den erhobenen Zeigefinger“, sagte dessen Leiterin Renate Schmidt. Wo kommt die Milch her, wer macht den Honig, wo wächst die Banane und wie wird Schokolade gemacht? Wie leben Kinder in anderen Ländern? Um das zu erfahren, pflegt der Kindergarten auch eine Brieffreundschaft mit einem Kindergarten in Tansania. Das Engagement wirkt: Nun gründen ehemalige Bollinger Kindergartenkinder ein „faires Jugendhaus“, berichtete Karin Winsberger von kikuna e.V. aus Dornstadt.
Die Umsetzung im Kindergarten funktioniert in allen Kommunen, in kleinen mit direktem Draht zum Bürgermeister und den Gemeinderäten ebenso wie in großen Städten wie Heidelberg. Nicole Juling vom dortigen Agenda-Büro erläuterte, wie „von oben“ der faire Einkauf und mindestens 30 Prozent Bio-Essen für alle städtischen Kindertagesstätten unterstützt wird und auch freie Träger einbezogen werden. Wie Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) Teil ihres Unterrichts ist, zeigten Schüler der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Stuttgart-Botnang mit einer eindrücklichen Präsentation zum Thema „Kinderarbeit“.
Wie vielfältig BNE ist, war in 13 Workshops zu erleben. In einem davon zerlegten Erzieherinnen mit Thorsten Belzer von der Digitalwerkstatt Karlsruhe alte Computermäuse, sortierten die Bestandteile sortenrein und schufen daraus kunstvolle Insektoboter. Dietmar Böhm, stellvertretender Schulleiter an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik, präsentierte Bilderbücher und Kinderbücher aus aller Welt – auch mal mehrsprachig und von hinten zu lesen. Aus was fertigen Kinder in Uganda ihre Bälle, aus Naturmaterialen oder Abfällen? „Auf dem Land das eine, in der Stadt das andere“, sagte Dorothy Kidza-Zentler vom EPiZ Reutlingen. In einer Liedwerkstatt mit dem chilenischen Liedermacher Sergio Vesely entstand ein neuer Kita-Song, der anschließend im Plenum erklang. Wie gut sich mit Kindern über „fair“ und „gerecht“ philosophieren lässt, erläuterte Birgit Becker von Paidosophos in Darmstadt. Sie hatte in den Workshop ein Zitat der neunjährigen Ruth-Marie mitgebracht: „Alle Menschen haben ein Gewissen. Manche wollen aber nicht glauben, was es ihnen sagt.“
Später begeisterte das Improvisationstheater Harlekin mit den Schauspielern Mirjam Woggon und Jakob Nacken. Es verwandelte die Schlüsselthemen des Kongresses in Theaterszenen verschiedener Genres: Die Kita-Bienen wurden Teil einer Oper, der Märchenprinz fragte statt nach der Prinzessin nach fairer Schokolade. So macht der weite Weg zum fairen, globalen und nachhaltigen Kindergarten Spaß.
Der Kongress solle keine Eintagsfliege sein, betonte Oberkirchenrat Dr. Norbert Lurz, Bildungsdezernent der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Ralf Häußler, Leiter des Zentrums für Entwicklungsbezogene Bildung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg (ZEB) und Heike Bosien vom Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung (DiMOE), kündigten an, dass es weitere Veranstaltungen zum Thema „Fair von Anfang an!“ in den verschiedenen Regionen von Baden-Württemberg geben wird.
Peter Dietrich