Kernen/Tübingen. Historische Malerei und moderne Musik miteinander zu verbinden und dazu noch das Lebensgefühl des 17. Jahrhunderts zu vermitteln - das ist keine leichte Aufgabe. Simone Herter wagt dennoch das Experiment und präsentiert das Ergebnis mit der Tobias-Becker-Bigband am 30. August auf der Open Air-Bühne der Remstal-Gartenschau.
Simone Herter ist Lehrerin für Musik und evangelische Religion an einem Stuttgarter Gymnasium. Doch gefühlt fehlt ihr noch etwas - und so studiert sie berufsbegleitend Kirchliche Popularmusik an der Kirchenmusikhochschule in Tübingen.
Ihr aktuelles Projekt „Zwischen den Welten“ ist Teil ihrer Masterarbeit und eine, wie die 35-Jährige aus Stetten (Gemeinde Kernen) sagt, „ganz besondere Herausforderung“.
Musik und Religion begleiten Simone Herter schon ihr ganzes Leben lang. Sie spielt mehrere Instrumente und singt in verschiedenen Chören, beispielsweise in der Stuttgarter Kantorei. Während ihres Schulmusikstudiums hatte sie bereits ein einzigartiges klassisches Konzert in der Schlosskapelle in Stetten gegeben – als Ergebnis ihrer Forschungen über pietistische Literatur des 17. Jahrhunderts.
Im Mittelpunkt dabei: Material, das sich einst im Besitz der Herzogin Magdalena Sibylla von Württemberg (1652 - 1712) befunden hat. Jene war nicht nur 16 Jahre lang württembergische Regentin, sondern auch begeisterte Musiksammlerin und Dichterin, wie Herter feststellte.
Nachdem sie das Sammelsurium an Noten, kompletten Stücken und selbstgedichteten Chorälen der Herzogin gesichtet hatte, stand für sie schnell fest: „Ich möchte diese Stücke spielen“. Und das tat sie im Rahmen ihres ersten Konzertes dann auch.
Vor einen Jahr erhielt Herter dann die Anfrage, ob sie sich vorstellen könne, während der Remstal-Gartenschau erneut solch ein Konzert zu veranstalten. „Darüber habe ich mich natürlich riesig gefreut“, sagt sie.
Jedoch wollte sie ihr „Herzoginnen-Konzert“ nicht noch einmal spielen, sondern stattdessen etwas anderes bieten. Und so habe sie sich entschieden, etwas völlig Neues zu probieren. Da sie zwischenzeitlich den Masterstudiengang „Kirchliche Popularmusik“ in Tübingen begonnen hatte, machte sie das Kompositionsprojekt gleich zum Teil ihrer Masterarbeit.
Sie machte sich auf „Stoff-Suche“, suchte Inspiration und ging zurück in die Schlosskapelle in Stetten. „Mir sind dann schnell die vielen Bilder aufgefallen, die die Herzogin 1682 in Auftrag gegeben hatte“, erinnert sie sich.
Herter suchte sich fünf heraus, auf denen Musikinstrumente und Bibelverse abgebildet sind. Pro Bild ein kleines musikalisches Werk – das war ihr Plan: „Ich habe quasi einen Museumsrundgang vertont. So etwas nennt man ,Programmmusik‘“. Mit anderen Worten: Aus optischen Eindrücken werden Klangerlebnisse.
In diesen fünf Stücken habe sie sowohl Choräle der Herzogin als auch Zitate aus bekannten Werken wie dem „Hallelujah“ von Georg Friedrich Händel eingearbeitet. Gleichzeitig wollte sie nicht nur die barocke Klangwelt kopieren, sondern sie mit neuzeitlicher Kirchenmusik verbinden.
„Letztlich klingt es wie eine Mischung aus Pop- und Filmmusik“, beschreibt sie. Die gesamte Komposition zu den fünf Bildern trägt den Namen „Pictures of Faith“. Herter verbindet damit Malerei und Musik und gleichzeitig den Kontrast zwischen Barock und Jazz, so dass sich der Projektname „Zwischen den Welten“ quasi von selbst ergab.
„Am schwierigsten finde ich nicht das Komponieren an sich, sondern das Arrangieren für eine Profi-Bigband“, sagt Herter. Denn obwohl sie selbst viele Instrumente spiele, könne sie selbstverständlich nicht jedes Instrument einer Bigband nachempfinden.
„Es ist gar nicht so einfach, weil man ja vorab eine Klangvorstellung für jedes Instrument entwickeln muss, um die Komposition dann auf die verschiedenen Instrumente anzupassen“. Dabei müsse sie sehr viele Details beachten – beispielsweise, wie Trompeten mit und ohne Dämpfer klingen.
Unterstützung in Arrangementfragen erhält die Komponistin dabei von ihrem Dozenten Tobias Becker. Er ist gleichzeitig Chef und Namensgeber der Tobias-Becker-Bigband.
Das Ziel
Simone Herter möchte mit ihrem Projekt vor allem Vorbehalte abbauen. „Oft hat man im Gottesdienst Vorbehalte gegenüber Popmusik. Oder andersherum gibt es auch Jazzmusiker, die Kirchenmusik skeptisch gegenüberstehen. Ich wünsche mir, dass ich es mit meinem Projekt schaffe, dass die Menschen sich öffnen, darauf einlassen und die Musik genießen“.
„Pictures of Faith“ richte sich grundsätzlich an alle Musikbegeisterten, von denen sich Herter insgeheim natürlich auch etwas Anerkennung erhofft. „Aber das größte Ziel ist es eigentlich, dass es den Menschen gefällt und sie Spaß haben an dem Konzert und an meiner Musik.“