Stuttgart. Seenotrettung ist für Oberkirchenrat Dieter Kaufmann ein Gebot christlicher Nächstenliebe. Deshalb unterstützt er den Beschluss der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dafür ein Schiff zur Verfügung zu stellen.
Herr Kaufmann, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will im Mittelmeer mit einem eigenen Seenotrettungsschiff tätig werden. Sie sind Mitglied im Rat der EKD. Was hat das Gremium bewogen, das auf den Weg zu bringen?
Menschen dürfen nicht ertrinken. Wo Menschen in Gefahr und sogar in Lebensgefahr sind, müssen wir ihnen helfen. Deshalb wird die EKD in einem breiten Bündnis Geld für ein Schiff sammeln, das dann professionellen Seenotrettern überlassen wird. Die Unterstützung der zivilen Seenotrettung ist ein Teil der Hilfe, die durch die Evangelische Kirche, ihre Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt, geleistet wird. Es ist ein Gebot christlicher Nächstenliebe, Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Elend fliehen, nicht ihrer Not zu überlassen. Kirche und Diakonie sind auch in den Herkunftsländern und in Flüchtlingsunterkünften tätig.
In der vergangenen Woche haben sich Deutschland, Frankreich, Italien und Malta auf eine Übergangslösung zur Verteilung von aus Seenot geretteten Migranten geeinigt, der nun den anderen EU-Staaten präsentiert werden soll. Wie schätzen Sie diesen Kompromiss ein?
Als Diakonie fordern wir schon lange eine gesamteuropäische Lösung für die Aufnahme und Verteilung Flüchtlinge. Die Übergangslösung ist erster Schritt, den ich begrüße. Es muss aber ein Gesamtkonzept folgen. Meine Hoffnung ist, dass sich andere Länder dem anschließen und auch einen Anteil aufnehmen. Das muss beim EU-Innenministertreffen Anfang Oktober geklärt werden. Ebenso dringlich bleibt aber die Wiederaufnahme der staatlichen Seenotrettung.
Das Diakonische Werk in Württemberg engagiert sich stark in der Flüchtlingsarbeit. Haben die Schicksale der Flüchtlinge, die von der Diakonie betreut werden, eine Rolle bei Ihrer Entscheidung für die Seenotrettung gespielt?
Wer Fluchtgeschichten anhört, erfährt etwas über die Lebenssituationen in den Herkunftsländern der Menschen. Und der lernt zu verstehen, warum Menschen flüchten. Niemand gibt leichtfertig seine Heimat auf – es ist oft der Kampf ums Überleben. Deshalb setzen sich Kirche und Diakonie, Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe zum Beispiel auch für den Klimaschutz und gute Lebensbedingungen für alle Menschen ein.
Wie soll das Seenotrettungsschiff der EKD finanziert werden? Werden auch Mittel der Evangelischen Landeskirche in Württemberg dafür bereitgestellt?
Der Betrag für den Kauf des Schiffes soll über Spenden finanziert werden. Kirchensteuern werden von der EKD nur in den Aufbau des Bündnisses, nicht aber unmittelbar in das Schiff gehen.
Wann wird das Schiff in See stechen? Und welche Schritte bis dahin müssen noch getan werden?
Das Schiff soll so bald wie möglich in den Einsatz kommen. Ein genaues Datum lässt sich zwar noch nicht nennen, doch die EKD hofft, dass das Schiff bereits im kommenden Frühjahr auslaufen kann. Zahlreiche Schritte sind im Vorfeld nötig: Das nötige Geld muss gesammelt werden, ein geeignetes Schiff muss zum Kauf angeboten werden, das Schiff muss für Rettungseinsätze umgebaut und ausgestattet werden – und in einem letzten Schritt ins Mittelmeer überführt und einer erfahrenen Seenotrettungsorganisation übergeben werden.
Die Fragen stellte Ute Dilg