Stuttgart. Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July hat sich kritisch zum neuen Bluttest auf Trisomie 21 geäußert. In einem Gespräch mit Mitgliedern des Sozialausschusses im baden-württembergischen Landtag sagte er am heutigen Donnerstag, 21. Februar: „Der Test ist ausschließlich selektiv und hat keinerlei therapeutische Zwecke. Er eröffnet bei einem auffälligen Befund den Schwangerschaftsabbruch als einzige Handlungsalternative zur Geburt eines behinderten Kindes.“ Vor diesem Hintergrund warnte July davor, den Bluttest zu einem Bestandteil der regulären Schwangerschaftsvorsorge zu machen. Der Erwartungsdruck auf werdende Eltern, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, sei durch verschiedene andere Methoden der pränatalen Diagnostik bereits enorm. Der Bluttest würde diesen Trend verstärken. „Es ist zu befürchten, dass er die bereits begonnene Entwicklung einer Schwangerschaft auf Probe verstärke“, betonte July. Umso wichtiger sei es, dass der Einsatz des neuen Tests auch künftig auf einer medizinischen Indikation beruhe.
Bischof July forderte eine ernsthafte und breite Debatte darüber, wie sich die Gesellschaft zu derlei konfliktreichen medizinischen Angeboten stelle und wie sich diese zu grundlegenden Werten wie Menschenwürde und dem Recht auf Leben für alle Menschen, auch für Behinderte, verhalte. „Für Kirche und Diakonie ist jedes Leben von Gott geschenktes Leben. Deshalb ist uns das Gespräch wichtig und wir beteiligen uns an einer solchen Debatte, um zu mehr Sensibiliät und zur Schärfung des Gewissens beizutragen“, betonte July. Er beklagte, dass eine Behinderung meist gleichbedeutend mit großem Leid wahrgenommen werde, was durch die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik verstärkt werde. „Aus der Hoffnung auf ein gesundes Kind ist die Pflicht zum gesunden Kind geworden.“ Damit verändere sich der Anfang des menschlichen Lebens, das nicht mehr in erster Linie als Geschenk Gottes gesehen würde, sondern dessen Schicksal von seiner genetischen Ausstattung abhängig sei. Bereits heute führe ein vorgeburtlicher Befund einer Trisomie 21 auch in fortgeschrittenen Schwangerschaften in neun von zehn Fällen zu einem Schwangerschaftsabbruch.
Vor diesem Hintergrund sei es wichtig, dass die Politik ihre Steuerungsverantwortung auch in diesem boomenden Bereich der Medizintechnik wahrnehme, betonte Bischof July. Dazu gehöre, dass das Recht auf Nichtwissen der Eltern sichergestellt werde. Ebenso müssten diese vor neuen Tests umfassend, qualifiziert und ergebnisoffen aufgeklärt und beraten werden. „Es ist auch Aufgabe von Politik, die Eltern zu stärken und sie in ihrer persönlichen Standfestigkeit zu unterstützen, auch wenn sie sich gegen pränatale Diagnostik entscheiden“, erklärte July. Dafür seien flächendeckende und niederschwellig zugängliche Beratungsangebote auch außerhalb des medizinischen Systems erforderlich.
Oliver Hoesch
Sprecher der Landeskirche