In Argentinien traf er den späteren Papst, in Osteuropa manchen Bischof: Ulrich Hirsch hat mehr als 17 Jahre lang das evangelische Gustav-Adolf-Werk in Württemberg geleitet. Nun geht er in den Ruhestand.
Sie sind klein, aber nicht schwach: Evangelische Minderheiten in traditionell katholischen oder orthodoxen Ländern zeichnen sich oft durch ein starkes gesellschaftliches Engagement aus. Sie helfen etwa in Griechenland oder Italien Flüchtlingen oder betreiben in Chile und Russland Kinder- und Altenheime. Unterstützung bekommen viele von ihnen aus Deutschland vom Gustav-Adolf-Werk (GAW). Dessen württembergischer Zweig wurde 17 Jahre lang von Geschäftsführer Ulrich Hirsch geleitet. An diesem Montag (31. Juli) ist sein letzter Arbeitstag.
Hirsch ist fasziniert, welchen Status sich manche Minderheitenkirche erarbeitet haben. Den italienischen Lutheranern mit ihren gerade mal 7.000 Mitgliedern ist es gelungen, bei der staatlichen Post eine eigene Briefmarke herauszubringen. Die Kultursteuer, über deren Verwendung der italienische Steuerzahler selbst bestimmen kann, weisen im Land 56.000 Nichtlutheraner der kleinen Kirche zu. Ähnlich die italienischen Waldenser, die als älteste evangelische Kirche gelten. Sie haben 20.000 Mitglieder, aber 300.000 Menschen kreuzen bei der Kultursteuer diese Kirche an. Für Hirsch ein klarer Beleg, wie hoch das Engagement der Evangelischen in der gesamten Gesellschaft geschätzt wird.
Das württembergische GAW, das solche Kirchen unterstützt, ist laut Hirsch eines der stärksten unter den 20 GAWs in Deutschland. Ein Drittel der bundesweiten Projekte wird von Württemberg aus koordiniert und bezuschusst. Das Jahresbudget des südwestdeutschen Werks liegt bei 1,2 Millionen Euro. Davon kommen allein 250.000 Euro aus dem Opfer, das württembergische Gottesdienstbesucher traditionell am 1. Advent für die Organisation einlegen.
Das GAW setzt sich auch für Menschen in Krisengebieten ein, etwa im Nahen Osten. "Dass der Krieg in Syrien mal auf meinem Schreibtisch landet, hätte ich mir nicht vorstellen können", sagt Hirsch im Rückblick. In Aleppo unterstützte die Organisation die Sanierung der evangelischen Bethel-Kirche als "Hoffnungszeichen" mitten in der Zerstörung.
Zu den erfreulichen Begegnungen zählt Hirsch einen gemeinsamen Besuch mit dem württembergischen Landesbischof Frank Otfried July beim damaligen Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, der später zum Papst gewählt wurde. Hauptzweck der Reise war die Begegnung mit evangelischen Minderheitenkirchen in Südamerika. Hirsch hat zudem weltweit viele Bischöfe kennengelernt. Manche seien zu Freunden geworden, mit einigen duzt er sich, erzählt er.
In Griechenland wollte die orthodoxe Kirche gleich in Hirschs erstem Amtsjahr einen evangelischen Radiosender schließen lassen. Der GAW-Geschäftsführer schlug Alarm und schrieb Briefe an den Bundesaußenminister sowie EU-Organe in Straßburg und Brüssel. Der Richter in Griechenland staunte nicht schlecht, als am ersten Prozesstag die internationale Presse vor der Türe stand - und stellte das Verfahren ein. Für Hirsch ein Sieg der Glaubensfreiheit.
Genau um diese Glaubensfreiheit geht es dem evangelischen Werk, das sich nach dem Schwedenkönig Gustav Adolf (1594 - 1632) nennt. Der Kriegsherr eilte im Dreißigjährigen Krieg den Evangelischen in Deutschland zur Hilfe und schlug in der Schlacht bei Breitenfeld die kaiserlich-katholische Armee. Ohne ihn hätte sich die konfessionelle Landschaft ganz anders entwickelt, hätte sich kaum eine protestantische Kultur entwickeln können, gäbe es keinen Johann Sebastian Bach, vermutet Hirsch. Und er zitiert das Sprüchlein, das schon mancher Konfirmand gelernt hat: "Gustav Adolf, Christ und Held / rettete bei Breitenfeld / Glaubensfreiheit für die Welt."
Um diese Aufgabe schon jungen Leuten nahezubringen, organisierte Hirsch Konfirmandenreisen in Länder mit protestantischer Minderheit, etwa nach Tschechien, Italien und Frankreich. Außerdem startete er den Freiwilligendienst. Jährlich gehen über zwanzig junge Erwachsene in Projekte, darunter nach Chile, Russland und Italien. Das erweitere nicht nur ihren Horizont, sondern bei manchen ihre Einstellung zum Leben. Viele seien angesichts der Zustände in anderen Teilen der Welt sehr viel dankbarer für die gute Lebenssituation in Deutschland, hat Hirsch beobachtet.
Unter Ruhestand kann sich der 64-Jährige noch nichts vorstellen. Weitere Reisen im Auftrag des GAW sind schon geplant, außerdem wird er als Prädikant (Laienprediger) häufig auf der Kanzel stehen. Und ein wichtiges Ehrenamt bleibt dem verheirateten Vater von zwei erwachsenen Kindern: Er arbeitet seit 2002 in der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mit, dem Kirchenparlament für die mehr als zwei Millionen Protestanten Württembergs.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)