Das Wort Zigeuner hat der Volksmund zu früheren Zeiten mit Folklore, mit Musik, Tanz und Freiheit verbunden. Dass dies die Realität nicht abbildet, hat sich spätestens zu dem Zeitpunkt herumgesprochen, als Roma bettelnd hier in den Städten auftauchten. Pfarrer Dr. Andreas Hoffmann-Richter ist der landeskirchliche Beauftragte für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma. Er hat mit Folklore nicht viel im Sinn, sondern hat eine ganz andere Sicht auf die Lebenssituation dieser Menschen. Monika Johna hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen.
Herr Hoffmann-Richter, die Bezeichnungen „Sinti“ und „Roma“ werden in der Regel in einem Atemzug verwendet. Bedeuten sie nicht ein und dasselbe?
Nein, denn mit der Bezeichnung „deutsche Sinti“ sind alle diejenigen Roma gemeint, die seit 600 Jahren in Deutschland oder in den deutschsprachigen Nachbarländern beheimatet sind. Sie wohnen und arbeiten hier wie alle anderen auch, und oftmals wissen ihre Nachbarn nicht, dass neben ihnen Sinti wohnen.
Und was versteht man unter „Roma“?
Die Vorfahren der deutschen Roma sind im 19. Jahrhundert aus Osteuropa nach Deutschland eingewandert. Ursprünglich stammen die Roma aus Indien beziehungsweise dem heutigen Pakistan. Die rund 70.000 in Deutschland lebenden Sinti und Roma sind eine nationale Minderheit und Bürger dieses Staates. Neben Deutsch sprechen sie als zweite Muttersprache Romanes.
Als landeskirchlicher Beauftragter für Sinti und Roma: Was machen Sie da?
Ich gehe zum Beispiel in Einrichtungen wie Schulen, Kirchengemeinden, Häuser für Erwachsenenbildung und biete Fortbildungen an. Ich arbeite mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Vor allem geht es bei meiner Arbeit um Aufklärung.
Worüber klären Sie denn auf?
Unter den europäischen Minderheiten erfahren die Sinti und Roma die höchste Ablehnung. Da wird am wenigsten getan zum Abbau von Vorurteilen. Der Antiziganismus hat eine lange Tradition und nimmt heute eher wieder zu. Schon im Mittelalter wurden Roma durch den Freiburger Reichstag für vogelfrei erklärt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden sie ebenso wie die Juden systematisch ermordet. Heutzutage gibt es häufig so schizophrene Situationen, dass eine Stadt auf der einen Seite durch die Verantwortlichen in der Kultur über das Leben und die Geschichte der Sinti und Roma aufklärt und zum Beispiel Musikabende oder Ausstellungen organisiert. Auf der anderen Seite, im sozialen Ressort, werden Sinti und Roma jedoch ausgegrenzt.
Wie äußert sich diese Ausgrenzung?
In Stuttgart zum Beispiel will man kein Magnet für Sinti und Roma sein. Deshalb bietet man explizit nichts an für diese Bevölkerungsgruppe.
Braucht es denn spezielle Angebote?
Ja, denn die Roma, die aus Rumänien, der Slowakei, Ungarn oder Polen nach Stuttgart kommen, übernachten mangels Alternativen oft im Freien. Dort hat es aber keine Toiletten, und es wird auch nichts in dieser Richtung getan. Wenn sie dann in den Grünanlagen auf die Toilette gehen, sorgt das für Ärger. Aber was sollen diese Menschen denn machen? Man müsste den Sinti und Roma das bieten, was man auch anderen Obdachlosen bietet. Doch dafür reichen die Kapazitäten derzeit nicht aus. Lediglich bei unter fünf Grad Celsius Außentemperatur greift die Regelung, dass sie vorübergehend in den Notunterkünften aufgenommen werden.
Was kann man überhaupt machen? Versickert nicht jede Hilfe bei irgendeinem Bandenchef, der seine Leute zum Betteln schickt?
Mir sind bei meiner Arbeit noch keine organisierten Banden begegnet. In Stuttgart beobachten die Mitarbeitenden der Evangelischen Gesellschaft, dass ungefähr fünf Familien mit rund 15 Familienmitgliedern im Stadtgebiet unterwegs sind. In Schwäbisch Hall ist man das Thema ganz anders angegangen und hat damit gute Erfahrungen gemacht.
Was war anders in Schwäbisch Hall?
Nun, auch hier gab es bettelnde, musizierende Roma in der Fußgängerzone, die das städtische Ordnungsamt immer wieder vertrieb. Wolfgang Engel, der Geschäftsführer im Diakonieverband Schwäbisch Hall, und die Schwäbisch Haller Dekanin Anne-Kathrin Kruse haben sich gefragt, wer diese Menschen eigentlich sind. Sie haben herausgefunden, dass die meisten aus demselben Dorf stammen – aus Kalosa, einem Romadorf im slowakischen Niemandsland, nahe der ungarischen Grenze. Nahezu alle Bewohner sind arbeitslos.
Und was hat man dann gemacht?
Zusammen mit der Ersten Bürgermeisterin von Schwäbisch Hall hat sich zwei Mal eine Delegation aufgemacht und ist nach Kalosa gefahren. Die Leute leben ohne Trink- und Abwasserversorgung und hausen zum Teil in Hütten mit Löchern anstelle von Fenstern. Als erste Maßnahme wurden 50 Öfen angeschafft. Über Diakonie, Kirche, Amtsblatt und Presse hat man die Schwäbisch Haller Bürger regelmäßig darüber informiert, wie die Roma aus Kalosa leben. Sie wissen mittlerweile, dass die Roma nicht gewerbsmäßig betteln, sondern schlicht für ihre in Kalosa lebenden Familien sorgen. Der Gemeinderat hat das Betteln grundsätzlich erlaubt und hierfür Regeln erarbeitet. Die Kirchen haben Begegnungsabende mit den Roma organisiert. Ein Freundeskreis begleitet sie. Es gibt Schwäbisch Haller, die Roma bei sich aufgenommen haben. Aber man will noch mehr: Man will nachhaltig helfen.
Und wie?
Der Freundeskreis Kalosa hat unlängst zusammen mit der evangelischen und katholischen Kirche einen Bildungsfonds für Kalosa initiiert und wirbt öffentliche, kirchliche oder private Gelder ein. Mit dem Geld unterstützen die Helfer Kinder aus Romafamilien, damit diese eine Schule besuchen können. Eine ehemalige Lehrerin koordiniert vor Ort die Maßnahmen.
Was können wir denn hier in Deutschland tun, um die Situation der Sinti und Roma zu verbessern?
In Stuttgart wäre es hilfreich, wenn bei einem sozialen Träger jemand von den eigenen Leuten angestellt wäre, der die Sprache spricht und sich mit der Kultur und den Gepflogenheiten auskennt. Als Kirchengemeinde kann ich überlegen, mal einen Sinti oder Roma einzuladen zu einem Gesprächsabend. So kann man sich kennenlernen und mehr zur Lebenswelt der Sinti und Roma erfahren. Jeder Einzelne kann daran arbeiten, seine Vorurteilshaltung gegenüber Sinti und Roma abzubauen. Das macht im Aufeinanderzugehen gleich mal einen Unterschied. Ich kann mir bewusst Zeit nehmen, einen Sinti oder Roma kennenzulernen. Kontakte vermitteln die Landesverbände oder ich. Und wenn ich durch die Fußgängerzone gehe und um den Hintergrund dieser bettelnden Menschen weiß, dann halte ich in einer Extratasche bewusst Geld zum Spenden vor.
Pfarrer Dr. Andreas Hoffmann-Richter ist der landeskirchliche Beauftragte für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma. Er wohnt in Ulm-Wiblingen. Ehrenamtlich beschäftigte er sich bereits seit 1999 mit der Thematik. Ende 2014 hat die württembergische Landeskirche eine 50-Prozent-Stelle geschaffen. Er arbeitet mit dem baden-württembergischen Landesverband deutscher Sinti und Roma zusammen, organisiert Ausstellungen, stellt Kontakte zu Sinti und Roma her, besucht zusammen mit Sinti und Roma Schulen, bietet Rollenspiele an und hat ein Lehrerhandbuch zum Thema „Antiziganismus“ herausgebracht.