Unter dem Hashtag #metoo - „ich auch“ posten derzeit viele Frauen über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Auslöser waren die Vorwürfe gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein. Ihm werfen viele prominente Frauen sexuelle Übergriffe vor. Mittlerweile schlägt das Thema weite Kreise: Die Debatte wirft auch in der Evangelischen Landeskirche die Frage auf, wie mit dem Thema sexualisierte Gewalt umzugehen ist? Eva Rudolf hat mit Miriam Günderoth von der Projektstelle Prävention der Landeskirche gesprochen.
Seit gut zwei Wochen diskutiert die Welt über #metoo: Welche Aufmerksamkeit hat das Thema „sexualisierte Gewalt“ in der Landeskirche?
Die Landeskirche befasst sich seit 30 Jahren mit dem Thema sexualisierte Gewalt. In den 1990ern lag der Schwerpunkt auf der Häuslichen Gewalt gegen Frauen und Kinder. Als dann Fälle von sexuellem Missbrauch in Bildungseinrichtungen und Heimen bekannt wurden, hat die Landeskirche 2010 eine Beschwerdekommission für Betroffene von sexualisierter Gewalt innerhalb der Landeskirche und Diakonie eingerichtet. 2014 hat man eine Ansprechstelle für Betroffene geschaffen und die „Koordinierungsstelle Prävention“ ins Leben gerufen.
Welche Präventionsarbeit leistet die Württembergische Landeskirche konkret?
Zusammen mit anderen Landeskirchen innerhalb der EKD wurde in den letzten beiden Jahren ein Schulungskonzept entwickelt, das bald innerhalb der Landeskirchen starten soll. Dieses Schulungskonzept ist Bestandteil der Vereinbarung mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM). Darin hat sich die EKD verpflichtet, den Schutz vor sexuellem Missbrauch in Kirchengemeinden zu verbessern. Außerdem bin ich für Veranstaltungen und Fachtagungen rund um das Thema sexualisierte Gewalt zuständig und soll fortlaufend für das Thema sensibilisieren. Und dann gibt es noch die Beschwerdestelle. Sie ist zentraler Bestandteil der „Dienstverordnung zum Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz“ und wurde 2010 speziell für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Oberkirchenrat eingerichtet. Sie richtet sich an Personen die sich sexuell durch Kollegen oder Vorgesetzte belästigt fühlen.
Wo beginnt sexualisierte Gewalt?
Sexualisierte Gewalt zu definieren ist nicht leicht. Wenn wir persönliche Grenzüberschreitungen miteinbeziehen, ist die Abgrenzung immer eine subjektive Sache. Sexualisierte Gewalt umfasst also ein weites Feld. Von der individuellen Grenzverletzung bis hin zu Straftaten, die im Strafgesetzbuch stehen. Darunter fallen zum Beispiel sexueller Missbrauch, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Es geht bei sexualisierter Gewalt darum, dass Sexualität instrumentalisiert wird, um Gewalt und Macht auszuüben, also die Macht- und Autoritätsposition auszunutzen.
Wo muss angesetzt werden, um sexuell-motivierte Gewalt gegenüber Frauen anzugehen?
Sexuelle Gewalt ist kein Randphänomen, sondern eine Machtdemonstration im Alltag. Hier gilt es Bewusstseinsarbeit zu leisten. Denn die Debatte im Europaparlament vergangene Woche zu diesem Thema, hat gezeigt, dass das Problem auch innerhalb des Parlaments virulent ist. Das zeigt deutlich, dass sexualisierte Gewalt nicht schichtspezifisch ist und in allen Milieus vorkommt. Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens und des Thematisierens – nicht nur wenn solche öffentlichen Debatten und Medien-Aktionen das Thema ins Bewusstsein aller bringt. Es geht konkret um das Verlassen der Komfortzone. Wo ist der Unterschied zwischen Flirt und sexualisierte Gewalt? Zwischen Anmache und Belästigung? Wie reden wir darüber? Reden wir darüber!
Wie können sich (vor allem) Frauen vor Angriffen schützen?
Frauen, die sich selber schützen wollen, können auf verschiedene Angebote im Bereich Selbstverteidigungstraining zurückgreifen, zum Beispiel Wendo. Außerdem sollten sie ihre Sprachfähigkeit üben, Netzwerke bilden, sich solidarisieren, über ihre Erfahrungen sprechen und aufmerksam machen. Wichtig sind mir auch die Sensibilisierung und die Bewusstseinsbildung darüber, dass sexualisierte Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, das nicht nur Frauen angeht.
Glauben Sie, dass die #metoo-Debatte die Gesellschaft verändern wird?
Ich bin skeptisch, dass sich konkret etwas ändert. Plötzlich sind alle schockiert über ein Phänomen, auf dass schon so oft hingewiesen wurde. Auch das Ausmaß der Gewalt ist bekannt. Warum wurde diesen Hinweisen nicht geglaubt? Die #metoo-Debatte hilft, das Tabu-Thema anzusprechen und Macht und Machtmissbrauch zu diskutieren. Aber aus der Komfortzone heraustreten müssen alle, um das Problem anzugehen. Und da geht es nicht nur um sexualisierte Gewalt, sondern auch über die Stereotypisierung, das Medienbild, das von Frauen (und Männern) gezeichnet wird. So lange das nicht ernsthaft diskutiert und reflektiert wird, sehe ich eher keine Veränderung. Es ist ein Thema, das nicht sexy ist, mit dem man sich nicht schmücken kann, wenn man es bearbeitet. Leider.