Beratung und Hilfe für Menschen in persönlichen Notlagen, Tipps für ein besseres Miteinander beim Mountainbiken mit Jugendlichen und Quartiersarbeit mit Inklusion: Sehen Sie hier an drei Beispielen, wie vielfältig die Arbeit von Diakoninnen und Diakonen ist.
Jemand will einen Antrag auf Wohngeld stellen – und kommt allein nicht weiter. Ein Mensch steckt in einer Lebenskrise, und braucht jemanden, der ihm zuhört und gemeinsam mit ihm Auswege entwickelt: Ein Feld der Arbeit von Diakoninnen und Diakonen ist die Sozialberatung, wie sie die diakonische Bezirksstelle Marbach anbietet. Geschäftsführer Rainer Bauer und sein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen beraten zu Fragen wie Bürgergeld, Grundsicherung, aber auch bei Suchtproblemen oder, in Kooperation mit dem Landratsamt, bei Schulden. Im Second-Hand-Laden der Diakonie „Gleis 7“ können Menschen mit kleinem Einkommen Kleidung und Haushaltswaren kaufen.
„Im Kirchenbezirk Marbach sind ca. 9.500 Menschen armutsgefährdet oder leben bereits in Armut“, so Rainer Bauer, „Durch die Beratung erfahren unsere Klienten die Kirche als Institution, die zu ihnen steht.“ Ein Klient formulierte es so: „Ich rechne es der Kirche hoch an, dass die Diakonie nicht nur eine Beratungsstelle unterhält, sondern sogar noch für Spendengelder sorgt, die armen Menschen ganz konkret weiterhelfen.“
Die Ehe-Familien-Lebensberatung, die Beratung zu Kuren und ein Kontaktstüble stehen wie die anderen Angebote allen Menschen offen, unabhängig von Religionszugehörigkeit, Staatsangehörigkeit oder anderen Vorbedingungen. Einmal pro Monat findet im Haus eine kostenlose Rechtsberatung in Kooperation mit einer Anwaltskanzlei statt. Daneben fördern die Mitarbeitenden die diakonische Arbeit in Kirchengemeinden.
„Manchmal schicken Pfarrerinnen und Pfarrer Hilfesuchende aus den Gemeinden zu uns. Im Gespräch wird dann schnell deutlich, worum es geht. Entweder wir können selbst unterstützen, oder wir vermitteln die Menschen an die richtigen Stellen.“
Neben der Beratung gibt es in der Stelle konkrete finanzielle Hilfen als Nothilfe, damit Betroffene die eigenen finanziellen Ressourcen schonen können. „Menschen in prekären Anstellungen oder in Arbeitslosigkeit haben in der Regel keine Ersparnisse. Oft ist das Konto überzogen, der Dispo ausgereizt. Wenn dann bei einer siebenköpfigen Familie die Waschmaschine defekt ist, ist das ein großes Problem. Bürgergeldempfänger müssten ca. 13 Jahre sparen, um sich eine Maschine für 400 € leisten zu können. Es gibt zwar die Möglichkeit, ein Darlehen vom Jobcenter zu beantragen, das jedoch mit 10% des Regelbedarfs abbezahlt werden muss. Dann lebt die Familie unter dem Existenzminimum. Weitere finanzielle Engpässe, oder sogar neue Schulden, sind die Folgen. Da ist es gut, wenn Beratungsstellen auf Stiftungen oder eigene Nothilfetöpfe zurückgreifen können,“ so Diakon Rainer Bauer.
Diese Möglichkeit, anderen unbürokratisch und schnell zu helfen, ist aber nur möglich, wenn andere Menschen abgeben, betont er. „Wir als Bezirksstelle erleben hier im Kirchenbezirk, dass MitbürgerInnen teilen: „Mir geht es gut und ich sorge dafür, dass Andere auch gut leben können“, zitiert er eine Frau, die ihm im Büro 500 € auf den Tisch legte. Mit dieser Summe konnte er die Stromschulden einer alleinerziehenden Frau begleichen.
Ein weiterer Baustein der Arbeit der Diakonischen Bezirksstelle ist der Secondhand-Laden „Gleis 7“, der im August 2022 eröffnete.
Der Evangelische Kirchenbezirk Marbach hatte sich 2021 mit dem Thema befasst und die Realisierung eines Diakonieladens ermöglicht. In dem Secondhandladen können Menschen mit kleinem Einkommen Kleidung und Haushaltswaren zu sehr günstigen Preisen erstehen. Mit dem eingesparten Geld können andere wichtige Dinge, wie Stromabschlagszahlungen, Lebensmittel, Reparaturen, Brillen oder die Kieferorthopädie finanziert werden.
„Weil der Diakonieladen im alten Marbacher Bahnhof von SpenderInnen und KundInnen so gut angenommen wird, ist die Kirche mit diesem Projekt nah an den Menschen. Wir verteilen keine Almosen, sondern es ist ein vernünftiges und gutes Projekt, das allen hilft, den Menschen, der Umwelt und dem Quartier,“ so die Ladenleiterin Claudia Hiller-Melcher.
Jugendarbeit ist ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld von Diakonen und Diakoninnen in der Landeskirche. Samuel Löffler ist Jugendreferent im Evangelischen Jugendwerk (EJW) Bad Urach-Münsingen; er hat das Mountainbike-Projekt Erfahrbar ins Leben gerufen. „Im Projekt erFAHRBAR wird das Mountainbike (erlebnis-)pädagogisch eingesetzt, um als Jugendwerk innovativ, zeitgemäß, anders und außerhalb bisheriger Strukturen junge Menschen zu fördern. Bei jungen Menschen ist immer weniger kirchliche Bindung vorhanden und Glaube verliert an Stellenwert. Evangelische Jugendarbeit ist heute eines von vielen möglichen Angeboten in einer individualisierten Gesellschaft. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, mit erFAHRBAR neue Wege in der evangelischen Jugendarbeit zu gehen und die jungen Menschen an ihrem Lebensort Schule zu erreichen.“
Mit der Bike Academy, einem modularen Angebot für Schulen und die Jugendarbeit im Kirchenbezirk, will Samuel Löffler junge Menschen in ihrer Entwicklung fördern und dabei helfen, dass sie zu starken Mitgliedern dieser Gesellschaft werden. Das funktioniert so: Samuel Löffler fährt mit einem Anhänger an eine Schule – das Material, Mountainbikes und Helme, hat er dabei, damit alle die gleichen Ausgangsvoraussetzungen haben.
„Uns ist es wichtig, dass alle Teilnehmenden - egal, aus welchem familiären Hintergrund sie kommen - die gleichen Voraussetzungen haben. Das Material wird also komplett von uns gestellt. So stellen wir natürlich auch die Sicherheit der Ausrüstung sicher, was beim Biken enorm wichtig ist. Wir gestalten normalerweise einen kompletten Projekttag mit den Schulklassen, so dass genug Zeit bleibt, um an den Themen der Klasse zu arbeiten.“
Das Projekt orientiert sich an den Leitprinzipien aus dem Bildungsplan; Ziel ist der Kompetenzerwerb im Bereich der Sozial- und Selbstkompetenzen. Praktisch heißt das: „Neben der Vermittlung von Fahrtechnik-Inhalten werden die jungen Menschen bei verschiedenen Übungen mit, auf und am Mountainbike herausgefordert, über sich, ihre Klassengemeinschaft und den Mehrwert eines guten Miteinanders nachzudenken. Anhand von Metaphern wie schwierigen Wegen oder Bergauf-Etappen stellen wir eine Parallele zum Alltag her und vermitteln darin auch geistliche Inhalte.“
Als Netzwerkerin in der Quartiersarbeit sah und sieht sich Diakonin Bärbel Greiler-Unrath, die in Wendlingen am Neckar die Entstehung des neuen Gemeindezentrums in Wendlingen, des Johannesforums, begleitete. Die Ausgangssituation: Fusion der Evangelische Kirchengemeinden Wendlingen und Unterboihingen zur Ev. Kirchengemeinde Wendlingen zum 1. Januar 2013. Damals habe sich die Frage gestellt, ob die Kirche umgebaut, umgenutzt oder ein Neubau entstehen sollte, berichtet sie. Die Johanneskirche hatte das Stadtbild zuvor entscheidend geprägt.
„Eine Kirche reißt man nicht ab!` Mit diesem Argument versuchten etliche Bürgerinnen und Bürger den Abriss der Johanneskirche zu verhindern“, berichtet Bärbel Greiler-Unrath, „Fingerspitzengefühl war gefragt – und eine Kommunikation, die Räume schaffte, um mit dem Schmerz umzugehen. Dabei war es aber gleichermaßen wichtig, die Vision nicht aus den Augen zu verlieren.“
Ein zentraler Standort in der Stadtmitte sollte beibehalten werden, dort, wo eine baufällige Kirche, die Johanneskirche stand. Die Idee: Neubau eines Gemeindezentrums mit einem diakonischen Partner, zentral in Stadtmitte gelegen. Die BruderhausDiakonie wollte ein Wohnprojekt mit Plätzen für Menschen mit Behinderung entstehen lassen. Die Kirchengemeinde brauchte Gemeinderäume wie einen Saal, eine Küche, Begegnungs- und Gruppenräume.
Die Aufgabe der Diakonin Bärbel Greiler-Unrath: Begleitung von der ersten Idee bis hinein in den laufenden Betrieb, auch als Spezialistin für Inklusionsfragen: „Im Laufe der Jahre und im Hineinwachsen in dieses Projekt habe ich immer mehr gelernt: Inklusion macht man nicht mal einfach. Inklusion ist eine Haltung. Und zuerst geht es nicht um all die anderen, sondern um mich und meine Sicht auf Menschen und den Sozialraum.“ Im Sommer 2022 konnten sowohl die Kirchengemeinde Wendlingen am Neckar wie die BruderhausDiakonie einziehen. Unter dem Dach des Johannesforums leben im Unterstützungszentrum der Bruderhausdiakonie heute 23 Menschen mit Behinderung, zugleich ist es ein Haus der Begegnung. Es findet Gemeindeleben statt, aber auch Veranstaltungen, die in den Sozialraum hineinwirken bis hin zu offenen Treffs wie ein Café oder ein Kneipenabend.
„Nach einem Jahr im Betrieb wird das Miteinander im Haus immer selbstverständlicher. Wir lernen gemeinsam, wie leben und arbeiten unter einem Dach funktionieren kann. Es finden Begegnungen im Alltag statt, wie z.B. ein Kickermatch zwischen den Konfirmanden und einem Bewohner, aber auch zwischen den Mitarbeitenden der BruderhausDiakonie und den haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden der Kirchengemeinde. Mit Kirche Kunterbunt wird derzeit ein gemeinsames, inklusives Gottesdienstformat auf den Weg gebracht, bei dem sich Bewohnerinnen und Bewohner ebenso bei der Vorbereitung beteiligen wie Ehrenamtliche der Kirchengemeinde. Feste werden gemeinsam geplant, z.B. das Gemeindefest im Sommer. Die BruderhausDiakonie beteiligt sich mit gebackenen Kuchen und durch regelmäßigen Besuch am Café, das von vielen älteren Menschen aus der ganzen Stadt regelmäßig besucht wird. Es ist ein tägliches gemeinsames Ausprobieren und Aufeinanderzugehen. Und natürlich gibt es auch Missverständnisse und Konflikte – wie in jeder guten WG.“
Hintergrund: Diakoninnen und Diakone sind in der Evangelischen Landeskirche in verschiedenen Bereichen der Sozialarbeit und der Verkündigung tätig, wie Jugend-, Alten- und Behindertenarbeit, Religionsunterricht, Pflegedienste und Seelsorge. Diakon oder Diakonin kann man entweder durch ein Studium an einer evangelischen Fachhochschule (z.B. an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg) oder durch eine berufsbegleitende Qualifizierung werden. Letzteres ist z. B. im Zentrum Diakonat in Ludwigsburg möglich.
Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontakt