13 Pfarrer und Pfarrerinnen aus Württemberg sind im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) derzeit in aller Welt im Einsatz. Einer von ihnen ist Christof Meyer aus Stuttgart. Pfingsten bedeutet für ihn vor allem die Feier der kulturellen Vielfalt.
Die Sonne brennt auf die tausend Jahre alten Steine der byzantinischen Kirchenruine in Marbella. Zwischen ihnen sitzen Schwaben, Österreicher und Berliner. Dieser Pfingstgottesdienst der deutschen Gemeinde an der spanischen Costa del Sol hätte wohl auch Jesu Jünger zu biblischen Zeiten zufrieden gestellt.
„Ich empfinde kulturelle Vielfalt als großes Geschenk. Durch das Zusammentreffen verschiedener Kulturen ergibt sich oft etwas Neues, Einzigartiges, Schönes“, sagt Meyer. Beispiele dafür gibt es in Andalusien genug. Die Alhambra zeugt noch heute von dem Zusammenspiel muslimischer und christlicher Architektur. Schon vor über 1.000 Jahren fanden Juden, Christen und Muslime in Spanien Möglichkeiten für ein gemeinsames Zusammenleben. Meyer besucht regelmäßig Gemeinden der Gitanos, einer zu den Roma gehörenden spanischen Minderheit. Diese feiern eine Art Flamenco-Gottesdienst. „Da bleibt niemand sitzen. Die Musik beschwingt, alle in der Kirche sind fröhlich und man singt den Lobpreis aus vollem Herzen mit“, sagt er.
Gerade die deutschen Auslandsgemeinden bieten die Chance, dass Menschen ihren Glauben neu erleben, so Meyer. Zum ersten Mal erlebt hat er dies als junger Mann bei einem längeren Aufenthalt in Jerusalem. Zur dortigen Auslandsgemeinde zählten auch viele, ehemals kirchenferne Christen. Sie besuchten die Gottesdienste anfangs nur, um Anschluss zu finden und neue Leute kennen zu lernen. Die Meisten blieben, auch als sie sich ein soziales Netz aufgebaut hatten. „Die Leute haben sich neu mit ihrem Glauben auseinandergesetzt. Seitdem hatte ich den Wunsch, als Pfarrer ins Ausland zu gehen“, sagt Meyer.
Bis Meyer den Schritt wagte, dauerte es aber noch zwanzig Jahre. Zunächst arbeitete er als Assistent für Frank Otfried July, dann übernahm er eine feste Stelle als Gemeindepfarrer im Stuttgarter Stadtteil Gablenberg. Nach zehn Jahren dort, wurde ihm Stuttgart zu klein. Der Posten an der Costa del Sol reizte ihn, vor allem weil Südspanien stark durch arabische Einflüsse geprägt ist. „Die Stelle schien mir perfekt: Sicherer als der Nahe Osten und exotischer als Stuttgart“, so der 58-Jährige.
Seine Frau Miriam stand voll und ganz hinter dem Umzug, obwohl sie dafür vorerst ihre Stelle als Lehrerin aufgeben musste. „Allein hätte ich es nicht geschafft“, gibt Meyer zu. „Miriam hat mir voll und ganz bei der Gemeindearbeit unter die Arme gegriffen. Außerdem konnte sie im Gegensatz zu mir spanisch.“ Die 5-jährige Tochter Amina kam in Spanien zur Welt. „Manchmal muss sie für mich übersetzen, ihr Spanisch ist das Beste in der Familie.“
Trotz Übersetzungshilfe seiner Familie – Spanisch lernen musste der Pfarrer trotzdem. Zwar besteht seine Gemeinde hauptsächlich aus Deutschen, aber viele haben spanische Partner. Hochzeiten, Konfirmationen und Beerdigungen muss er deshalb in beiden Sprachen abhalten. Nicht nur was die Sprache angeht, auch was Konfession und Milieu betrifft unterscheiden sich seine Gemeindemitglieder deutlich voneinander. Konservative Schweizer Reformierte teilen die Kirchenbank mit lutherischen Hamburgern und Luxemburgischen Freikirchlern. Wohlhabende Rentner, die in Marbeilla in ihren Villen „überwintern“, singen gemeinsam mit Erasmus-Studenten, die die letzte Nacht auf einer Beach Party verbracht haben.
„Eine typische Arbeitswoche kenne ich nicht“, sagt Meyer. Sein Dienstwagen läuft auf Hochtouren. Diese Woche traut er am Montag ein junges Paar. Ihre Freunde sitzen Barfuß auf Plastikstühlen im Sand und der Altar besteht aus einem aufgebockten Surfbrett. „Dafür hätte man in Württemberg eine Genehmigung einholen müssen“, sagt Meyer lachend. Am Dienstag schwitzt er im Jackett auf der Tauffeier des Urenkels Bismarcks. Am Mittwoch plant er mit seinen Konfirmanden die Konfi-Freizeit nach Marokko. „In meiner früheren Gemeinde sind wir immer auf die schwäbische Alb gefahren, das ist schon ein Unterschied“, so der Pfarrer. Donnerstags telefoniert er mit einem Paar aus Frankfurt, das im warmen Spanien heiraten möchte. Am Freitag fährt er zu einem seelsorgerlichen Gespräch in die Villa eines vermögenden Rentners. Am Samstag ist Gottesdienst in Torrox und Sonntag der große Pfingstgottesdienst mit einem Posaunenchor aus Franken. Die nächste Woche sieht dann schon wieder völlig anders aus.
Trotz aller Unterschiede – die Gemeindeglieder kommen gut miteinander aus. Auch zwischen Deutschen und Spaniern ist das Verhältnis in der Regel gut. Damit das auch so bleibt, sieht sich Meyer in einer Vermittlerrolle. „Germans go Home“ – Graffitis an Hauswänden, Proteste gegen Touristen und sogar angezündete Autos, wie sie deutsche Auswanderer auf Mallorca schon erlebt haben, gab es an der Costa del Sol bisher noch nicht. Damit das auch so bleibt, beteiligen sich Pfarrer Meyer und seine Gemeinde an lokalen Projekten. So sammelten sie etwa im Vorjahr Spenden für die Opfer der verheerenden Waldbrände. „Es ist uns wichtig, dass wir nicht als Eindringlinge, sondern als Teil der spanischen Gemeinschaft wahrgenommen werden“, erklärt Meyer. Er möchte, dass Deutsche und Spanier in Marbella zusammenkommen, gemeinsam Gottesdienste feiern und ihren Alltag miteinander leben. Ganz im Sinne des Pfingstgedankens.
Marie-Louise Neumann