Im Oktober 1945 bekannte die nach dem Zweiten Weltkrieg neugebildete Evangelische Kirche in Deutschland erstmals eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis ist auch heute noch ein Appell, Schuld zu benennen und bekennen, um Versöhnung und neue Perspektiven zu ermöglichen, erklärt Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July im Interview mit Britta Jagusch.
Was ist für Sie die wichtigste Grundaussage des Stuttgarter Schuldbekenntnisses?
Das Wichtigste ist, dass es in der damaligen Situation bald nach Kriegsende überhaupt zu diesem Schuldbekenntnis kam. Der Ausdruck „Solidarität der Schuld“ ist darin von sehr großer Bedeutung. Er wischt all die mannigfachen Versuche beiseite, sich aus den Schuldverstrickungen in der Zeit des Nationalsozialismus herauszustehlen.
Welche Bedeutung hatte die Erklärung in ihrer Zeit? Was hat sie damals bewirkt?
Die evangelische Kirche hat damals einer noch weitgehend sprachlosen Gesellschaft Worte angeboten, um auf das ungeheure Schuldgeschehen Deutschlands hinzuweisen. Sie hat aber zuerst die Worte an sich selbst gerichtet, über sich selbst geurteilt. Damit sollten auch die Türen geöffnet werden, um mit den Kirchen der Welt neu ins Gespräch zu kommen. Es war hochherzig, dass die Vertreter der ökumenischen Bewegung dieses Gespräch in Stuttgart wieder aufnahmen.
Was bedeutet die Erklärung für die Kirche heute?
Sie ist eine ständige Mahnung, im eigenen Handeln darauf zu achten, dass eines Tages nicht erneut ein Schuldbekenntnis abgelegt werden muss. Sie ist eine Mahnung, gegen Hass, Fanatismus und Fremdenfeindlichkeit aufzustehen. Wir wollen ökologische und soziale Verantwortung übernehmen und fördern. Vor allem aber schärft sie die Gewissensbildung auf dem Boden des biblischen Evangeliums.
Das Schuldbekenntnis stieß innerhalb des deutschen Protestantismus auf Widerstand und löste heftige Kontroversen aus. Wie hat das Eingeständnis einer Mitschuld das Selbstverständnis des Protestantismus in Deutschland verändert?
Es hat insgesamt den Mut befördert, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Aber dies führte eben auch zu neuer Freiheit. Ein Zeichen dieses Denkens war die Veröffentlichung der sogenannten Ost-Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland 1965. Sie zog letztlich Konsequenzen aus der „Solidarität der Schuld“ und öffnete gegen viele Widerstände das Tor der Versöhnung mit den Nachbarn im Osten.
Wenn wir uns heute der vor 70 Jahren veröffentlichten Schulderklärung erinnern, welche Antworten kann sie uns auf die Fragen nach dem Umgang mit Schuld innerhalb der Kirchen, aber auch in der Politik geben?
Eine Antwort ist, dass erkannte Wahrheit auch ausgesprochen werden muss. Nur so kann offen über Schuld und Unschuld, Gewissen und Vergebung gesprochen werden. Ich denke, dass ein gesellschaftliches Klima entsteht, in dem Aufklärung und die Bearbeitung der Schuld und Verfehlung nicht im Voyeurismus des modernen Prangers endet, sondern neue Perspektiven aufzeigt. In Stuttgart wurde bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Jahre 2010 ein zweites Stuttgarter Schuldbekenntnis abgegeben. Die Mennoniten, die als Täuferbewegung in der Reformationszeit Verfolgung und Unrecht durch die Lutheraner erleiden mussten, wurden um Vergebung gebeten. Der gemeinsame Versöhnungsgottesdienst steht immer noch vor meinem inneren Auge.
In der Erklärung von Stuttgart heißt es: „ … aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Wenn wir dies als Appell verstehen, müssten sich Kirchen nicht viel stärker gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzen, auch auf politischer Ebene?
Ich meine, dass hier längst eine hohe Sensibilität in den Kirchen und in kirchlichen Bewegungen und Aktionsgruppen vorhanden ist. Deutlich wird das zum Beispiel an der Arbeit von „Brot für die Welt“, die immer auch bei allen entwicklungspolitischen und sozialdiakonischen Anliegen die Menschenrechtsfrage in den Mittelpunkt stellt. Die Kirchen setzen sich vielfältig für die Menschenrechte ein. Ich denke an unsere Asyl- und Flüchtlingsarbeit sowie an die jährlichen Situationsberichte in unserer württembergischen Landessynode über verfolgte Christen und die unermüdliche Arbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen, im Lutherischen und im Reformierten Weltbund. Es ist leider auch so, dass wir oft wegsehen und nicht wirklich nachhaltig und wirkungsvoll handeln. Darum sage ich: Schärfen wir unsere Gewissensbildung! Wir brauchen auch deshalb den Appell des Stuttgarter Schuldbekenntnisses.
„Schuld und Versöhnung“ ist auch eines der großen Themen des Kirchentages in Stuttgart. Welche Impulse erhoffen Sie sich von dort?
So etwas wie ein „Stuttgarter Signal“: Schuld soll nicht lähmen und in Unbeweglichkeit führen, sondern benannt und bekannt werden. Dadurch werden Schritte der Versöhnung und neue Perspektiven möglich. Dies gilt für internationale Konflikte genauso wie für Missbrauch oder andere Formen persönlicher Verfehlung. Gottes Versöhnungsgeist kann verschlossene Türen öffnen: Wir müssen nur durchgehen wollen. Wir wollen uns in Stuttgart nicht mit der alten Leier abfinden, dass man eh nichts tun könne.
Wenn Sie die Losung in diesem Zusammenhang interpretieren, welche Bedeutung haben die Worte „damit wir klug werden“?
„Klug werden“ heißt, jeden Tag neu aus dem Erfahrungsschatz des christlichen Glaubens zu leben. Das heißt, Schuld nicht zu verdrängen, sondern auszusprechen und dadurch neue Freiheit zum Leben zu gewinnen. Das ist wahre Klugheit.
Die Fragen stellte Britta Jagusch. Das Interview erschien zuerst in „Kirchentag – Magazin Nr. 1/15“