Die Milizen des Islamischen Staats (IS) terrorisieren den Irak. Minderheiten wie Jesiden oder Christen müssen fliehen oder werden ermordet. Die vielen Hunderttausend Flüchtlinge sind auf Hilfe angewiesen. Die Diakonie Katastrophenhilfe versucht, die Menschen in den nordirakischen Städten Dohuk, Erbil und Suleimaniyah mit dem Nötigsten zu versorgen. Anne Dreyer ist Pressesprecherin der Diakonie Katastrophenhilfe. Sie war bis vor kurzem selbst in Erbil im Nordirak. Achim Stadelmaier hat mir ihr gesprochen.
Frau Dreyer, wie haben Sie die Situation der Menschen vor Ort erlebt?
Die Situation der Menschen ist wirklich prekär. Sie haben entweder sehr schlimme Dinge erlebt oder sie sind aus Furcht davor geflohen, dass ihnen Schlimmes angetan wird. Sie haben große Angst, in ihre Dörfer zurückzukehren, selbst wenn diese von den kurdischen Kämpfern, den Peschmerga, zurückerobert worden sind. Die Flüchtlinge leben in Schulen, Parks oder Rohbauten. Momentan ist es sehr heiß im Irak, eine zusätzliche Belastung. Sie können sich also vorstellen, dass die Lage für die Familien unglaublich schwierig und beängstigend ist.
Das heißt, die Angst ist allgegenwärtig?
Das ist sie. Die Menschen haben erlebt, wie Familienmitglieder getötet oder verschleppt wurden. Oder sie haben aus den Nachbardörfern und Städten davon gehört. Die Angst ist groß.
Was kann die Diakonie Katastrophenhilfe vor Ort tun?
Wir versorgen die vertriebenen Familien mit dem Allernotwendigsten: mit Lebensmitteln, mit Dingen des täglichen Bedarfs wie zum Beispiel Matratzen, Töpfe, Kocher. Die Familien kommen mit nichts in den nordirakischen Städten an. Sie haben meist nur ihren Pass und etwas Bargeld dabei.
Weiß man ungefähr, wie viele Menschen aktuell auf der Flucht sind?
Das ist schwierig zu sagen, denn die Flüchtlinge strömen direkt in die Städte und werden kaum registriert. Die Vereinten Nationen sprechen davon, dass allein im kurdischen Gebiet seit Anfang des Jahres 850.000 Menschen angekommen sind. Dort leben ohnehin schon um die 230.000 syrische Flüchtlinge. Das heißt, allein in diesem Gebiet müssen mit einem Mal eine Million Menschen mehr versorgt werden. Eine Kollegin, die momentan vor Ort ist, berichtet, dass im Irak 2000 Schulen von Flüchtlingen bewohnt werden. Nun enden Anfang September eigentlich die Sommerferien. Und im Grunde kann die Regierung die Ferien nur verlängern, weil sie keine andere Möglichkeit hat, die Menschen unterzubringen.
Naturkatastrophen, Krieg und Vertreibung – seit 60 Jahren ist die Diakonie Katastrophenhilfe weltweit im Einsatz, wo die Not der Menschen am größten ist. Das 1954 gegründete Hilfswerk übergab erstmals Anfang der 1950er Jahre eine Spende an den Ökumenischen Rat, um die Not von Flüchtlingen außerhalb Deutschlands zu lindern. Die humanitäre Hilfsorganisation, die zum Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung gehört, hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Akteure der Not- und Katastrophenhilfe in Deutschland entwickelt.
Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass sich die Lage für die Menschen im Irak bald verbessert?
Wir stellen uns auf eine langfristige Krise ein. Viele Menschen haben große Angst, in ihre Dörfer zurückzukehren. Wir gehen also davon aus, dass die Flüchtlinge noch lange Zeit versorgt werden müssen.
Deutschland wird Waffen an die Kurden liefern. Was halten Sie als Hilfsorganisation davon?
Das ist eine sehr schwierige Frage, an der wir uns als humanitäre Helfer im Grunde nicht beteiligen können. Wir konzentrieren uns vor allem auf die Hilfe für die Flüchtlinge. Aber wir glauben daran, dass Waffen diesen Konflikt langfristig nicht lösen können. Es ist wichtig, dass alle politischen und regionalen Akteure in einen Friedensprozess involviert werden. Außerdem muss sich die UN stärker engagieren und Schutzzonen für Flüchtlinge einrichten.
Wie kann man Ihre Arbeit am besten unterstützen?
Ganz wichtig: Spenden! Am besten online oder über das Spendenkonto. Wir kaufen alle Hilfsgüter im Irak ein. Der lokale Markt funktioniert, man bekommt alle Lebensmittel und die Dinge, des täglichen Bedarfs vor Ort. Und es ist sehr wichtig, diesen Markt zu stärken. Deshalb führen wir keine Hilfsgüter von Deutschland aus ein.
Frau Dreyer, vielen Dank für das Gespräch!