"Können nicht auch Staaten frei werden von Schulden?", fragte Margot Käßmann mit Blick auf Griechenland. Bundespräsident Gauck erinnerte auf dem Protestantentreffen in Stuttgart die "happy few" an ihre soziale Verantwortung.
Mit Forderungen nach einem gerechteren Wirtschaftssystem ist am Donnerstag der evangelische Kirchentag in Stuttgart fortgesetzt worden. Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, kritisierte Gier an den Finanzmärkten und regte einen Schuldenerlass für Griechenland an. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nannte Gewinnmaximierung und Moral nur schwer vereinbar. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) appellierte an die Kirchentagsbesucher, die sozialen Verhältnisse kritisch zu hinterfragen.
Käßmann führte in einer Bibelarbeit aus, das Erlassen von Schulden sei "biblisches Gebot". "Können nicht auch Staaten frei werden von Schulden?" fragte die frühere Bischöfin und nannte unter dem Beifall der fast 10.000 Besucher als konkretes Beispiel Griechenland. Sie geißelte die Gier nach Vermehrung von Vermögen und forderte eine "Ethik des Genug".
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) äußerte sich ablehnend zu einem Schuldenerlass für Griechenland. Bei allgemeinen Schuldenschnitten, wie sie etwa die kirchliche Erlassjahrinitiative vorschlägt, müssten alle Sparer, Banken und Lebensversicherer enteignet werden. Bei übermäßiger Verschuldung ärmerer Länder gebe es wie im privaten Insolvenzrecht Vereinbarungen zwischen Gläubigern und Schuldnern. Diese Möglichkeit entfalle in einer Währungsunion, betonte der Finanzminister.
Bundespräsident Joachim Gauck sagte, es sei nicht in Ordnung, wenn nur die "happy few" - also einige Glückliche - von Reichtum profitierten und keine Verantwortung für andere trügen. Das bedeute aber nicht, dass sich deshalb auch alle anderen aus der Verantwortung nehmen könnten, betonte das Staatsoberhaupt vor rund 10.000 Zuhörern. In der aktuellen Debatte um die Homo-Ehe ließ er Sympathie für eine weitere Aufwertung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften erkennen.
Innenminister De Maizière unterstrich in seiner Bibelarbeit, Gewinnmaximierung und hohe moralische Ansprüche ließen sich schwer unter einen Hut bringen. "Es geht um die kluge Nutzung von Geld und Reichtum, es geht um unsere Haltung, um die Prioritäten, die wir uns setzen."
Bundesarbeitsministerin Nahles rief dazu auf, die sozialen Verhältnisse in Deutschland und der Welt permanent kritisch zu hinterfragen. "Nichts tun und sich in Gegebenes zu fügen, das ist keine Option." Ihre Kabinettskollegin Manuela Schwesig (SPD) sagte, sie würde gern "grundsätzliche Dinge" im Steuerrecht ändern, das Alleinerziehende benachteilige. "Aber das geht im Moment nicht", räumte die Familienministerin ein. Deshalb habe sie dafür gekämpft, die Steuerentlastung für Alleinerziehende zu erhöhen.
Der Berliner Landesbischof Markus Dröge mahnte, das umstrittene transatlantische TTIP-Abkommen dürfe ärmeren Staaten keine Entwicklungschancen rauben. Die Welt habe nur eine Zukunft, wenn ein lebenswertes Leben auf allen Kontinenten möglich sei.
Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag hatte am Mittwoch begonnen. Bis Sonntag nehmen rund 97.000 Dauerteilnehmer an mehr als 2.500 Veranstaltungen teil.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (EPD)